„Der Vorstandsvorsitzende eines Großunternehmens erhielt eines Tages eine Gratis-Eintrittskarte für Schuberts 'Unvollendete'. Er konnte das Konzert selbst nicht besuchen und schenkte deshalb die Karte seinem Finanzcontroller. Nach zwei Tagen erhielt der Vorstand eine Memo mit folgenden Konzertkommentaren:

 

  1. Während längerer Zeit waren vier Flötisten nicht beschäftigt. Die Zahl der Bläser sollte deshalb reduziert und die Arbeit auf die übrigen Musiker verteilt werden, um damit eine gerechtere Auslastung zu gewährleisten.
  2. Alle zwölf Geiger spielten identische Noten. Dies stellt eine überflüssige Doppelspurigkeit dar. Die Zahl der Geigenspieler sollte deshalb ebenfalls drastisch gekürzt, und für intensivere Passagen könnte ein elektronischer Verstärker eingesetzt werden.
  3. Es wurde zu viel Mühe zum Spielen von Halbtonschritten aufgebracht. Empfehlung: Nur noch Ganztonschritte spielen! Dadurch können billigere Angelernte und Lehrlinge eingesetzt werden.
  4. Es hat keinen Zweck, mit Hörnern die gleiche Passage zu wiederholen, die bereits mit Trompeten gespielt worden ist.

Empfehlung:

 

Falls alle diese überflüssigen Passagen eliminiert würden, könnte das Konzert von zwei Stunden auf 20 Minuten gekürzt werden. Hätte sich Schubert an diese Empfehlung gehalten, hätte seine Symphonie wahrscheinlich vollendet werden können …“

(frei nach Hilb, 2004)

 

 

Das Denken und Handeln in Zahlen liegt den meisten berufstätigen Menschen im Blut. Es ist fraglos eine Illusion anzunehmen, dass die Bedeutung von Zielen, Zahlen und Zweckdienlichkeiten abnehmen wird. Es ist aber ebenso illusionär zu glauben, dass irgendeine Zahl - und sei es auch eine stattliche Zahl auf der Habenseite des eigenen Kontos - in der Lage wäre, Sinn zu stiften. Ziele schaffen zwar eine gewisse Orientierung, ohne Einbettung in einen Sinn wirken sie jedoch so, als renne man zwar engagiert einen Marathon, wüßte aber nicht wozu. Die Pathologie unseres Zeitgeistes besteht darin, dass viele Menschen erklären können, warum sie rennen. Wozu es gut ist, haben Sie aus den Augen verloren.

 

Was kann von Unternehmensleitungen, im Management und von Mitarbeitenden getan werden, um Bedingungen zu schaffen, um neben aller erforderlicher ökonomischer Zweckhaftigkeit eine sinnerfüllte Arbeitswelt zu ermöglichen? Dies ist einer der Kontexte des WerteInstituts, das sich verstehen mag als "immer ein Stück noch unvollendet, aber dennoch mit einem guten Grund".

Das Medienprojekt WertePraxis wurde zum 31.12.2013 beendet. Sämtliche Ausgaben sind weiterhin für Sie kostenfrei verfügbar. Wir bedanken uns herzlich bei unseren Leserinnen und Lesern und begrüßen Sie gerne in der neuen KrisenPraxis.